Carlisle POV
Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich mich dazu hatte überreden lassen.
Zu meinem sechzigsten Geburtstag bekam ich von meinen Kindern Rosalie und Jasper doch tatsächlich ein Ticket für eine Kreuzfahrt geschenkt.
Aber es war keine normale Kreuzfahrt, wie ich anfangs gedacht hatte.
Nein, natürlich nicht!
Meine liebenswerten Kinder hatten mir eine Kleinigkeit vorenthalten, die sie anscheinend nicht für erwähnenswert hielten.
Als sie mir dieses Geschenk überreichten, war lediglich von einer normalen Kreuzfahrt die Rede gewesen.
Auf der Fahrt zum Hafen beichteten mir die beiden dann allerdings, dass es sich dabei um eine Singlekreuzfahrt handelte.
Ihnen schien bewusst gewesen zu sein, dass ich mich dagegen gewehrt hätte, sobald ich davon wüsste, also erzählten sie mir davon in dem Moment, als es für mich kein zurück mehr gab.
Und wie ich mich dagegen gewehrt hätte.
Ich fand es demütigend, mit meinen sechzig Jahren auf eine Singlekreuzfahrt zu gehen.
Mit sechzig war man meiner Meinung nach kein Single mehr.
Vielleicht, wenn man sein Leben nicht gelebt hatte und man keine eigene Familie gegründet hatte.
Aber ich persönlich empfand mich nicht als Single. Ich war ein Witwer.
Ein Witwer, der seine zwei gleichaltrigen Kinder allein großgezogen hatte seitdem sie acht Jahre alt waren und ohne Mutter aufwachsen mussten.
Ich hatte ihnen alles gegeben, was ich ihnen geben konnte und so dankten sie mir… mit einer Singlekreuzfahrt.
Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, war es eine Singlekreuzfahrt für eine bestimmte Altersklasse.
Für die, die die 55 Lebensjahre schon überschritten hatten, boten sie angeblich eine einmalige Chance an.
Was es für eine Chance war?
Die Chance, sich auf ein Neues zu verlieben und sich wieder jung zu fühlen.
Die Chance, die große liebe auf diesem so genannten ‚Liebesschiff’ zu finden.
Die Chance, dass man den ‚letzen Abschnitt des Lebens’ mit jemandem teilen konnte.
Woher ich das wusste?
Rosalie hatte auf der Fahrt zum Hafen nichts Besseres zu tun gehabt, als mir ein Prospekt in die Hand zu drücken und so völlig unvorbereitet wollte ich da nicht erscheinen.
„Dad, bitte“, holte mich die Stimme meiner Tochter wieder in die Gegenwart zurück.
„Du weißt, dass wir nur dein Bestes wollen, oder?“
Natürlich wusste ich das, schließlich war ich derjenige gewesen, der sie herangezogen hatte.
Aber nur weil sie dachte, dass sie mir etwas Gutes taten hieß es noch lange nicht, dass es auch tatsächlich das Beste für mich war.
Sie wollten nicht, dass ich alleine war. Aber bis jetzt fühlte ich mich noch nie allein.
Schließlich hatte ich meine wunderbaren Kinder in meinem Leben.
Aber da beide ihre Lebensgefährten gefunden hatten wollten wie wohl, dass auch ich wieder jemanden fand.
Das brauchten sie mir auch nicht zu sagen, ich wusste es einfach. Ich wusste, wie die beiden dachten. Ein Vater wusste so etwas eben.
Gerade als Jasper den Kofferraum schloss, wo sich bis eben noch meine Reisetasche befand, erkannte ich ein mir bekanntes Fahrzeug, welches um die Ecke bog und anscheinend einen Parkplatz suchte.
„Da sind sie ja endlich“, hörte ich die fröhliche Stimme meiner Tochter in meinen Ohren hallen.
Wer war da endlich?
Als das Auto einige Meter von uns entfernt einen Parkplatz gefunden hatte, wusste ich sofort, warum mir dieses Fahrzeug so vertraut vorkam.
Ich erkannte sofort die riesige Gestalt, die von der Fahrerseite ausstieg.
Mein Schwiegersohn. Der Mann meiner Tochter. Emmett.
Aber was hatte er hier zu suchen?
Wenn er sich nur von mir hätte verabschieden wollen, dann hätte er mit uns zusammen fahren können oder mich vorher besuchen kommen können.
Als nächstes erkannte ich die kleine Gestalt meiner Schwiegertochter, die so elegant wie eine Elfe aus dem Wagen stieg.
Alice, Jaspers bessere Hälfte war also auch hier erschienen.
Natürlich mochte ich die beiden. Sie waren für mich wie meine eigenen Kinder und ich wusste, dass sie meine Kids glücklich machten.
Das war für mich immer das wichtigste gewesen.
Nichtsdestotrotz fragte ich mich, warum sie hier waren.
Ein kleiner Schrei zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.
Edward, der zwar nicht direkt in meine Familie hineingeheiratet hatte, aber für mich trotzdem nicht weniger dazu gehörte, nahm gerade seine zwei Monate alte Tochter in den Arm und half seiner Frau aus dem Wagen zu steigen.
Ich konnte mich noch ganz genau an den Tag der Entbindung erinnern.
Für Bella, Edwards Frau, war ich der einzige Arzt, der für sie in Frage kam. Niemandem sonst wollte sie sich und ihr bis dahin noch ungeborenes Kind anvertrauen.
Als ich Bella sah, wie sie aus dem Wagen stieg, konnte man das Glitzern in ihren Augen kaum übersehen. Man konnte spüren, wie glücklich sie mit ihrer kleinen Familie war.
Ich fühlte mich, als sei ich selbst Großvater geworden.
Zwar hatte keines meiner leiblichen Kinder entbunden, aber für mich spielte diese Tatsache keine große Rolle.
Ich beobachtete Emmett, wie er zum Kofferraum ging und den Kinderwagen für die kleine Sophie vor Edward abstellte.
Als nächstes sah ich, wie mein Schwiegersohn einen Koffer aus dem Kofferraum zog.
Ein Koffer? Wozu ein Koffer?
Ich dachte, dass diese Singlekreuzfahrt nur für Personen ab 55 Jahren bestimmt war.
Oder hatte ich da etwas nicht mitbekommen?
Und dann sah ich den Grund.
Die nächste, und womöglich letzte die aus dem Wagen stieg, war Esme.
Esme Masen, die Schwiegermutter meiner Kinder.
Ihr Mann verstarb kurz bevor Rosalie ihren Emmett kennen gelernt hatte, also hatte ich niemals die Möglichkeit gehabt ihn zu treffen.
Esme war eine wirklich hübsche Frau und sah für ihre 57 Jahre wirklich erstaunlich gut und jung aus.
Ich hatte selten eine Frau erlebt, die in solch einem Alter noch so unbeschreiblich gut aussah und trotz ihres Verlustes vor einigen Jahren eine so unglaublich anziehende Ausstrahlung besaß.
Sie sah auch gar nicht wie eine frisch gebackene Großmutter aus.
Es wunderte mich, dass sie allem Anschein nach auch an dieser Kreuzfahrt teilnehmen würde.
Warum sonst, sollte der Rest meiner Familie hier erschienen sein, inklusive Koffer?
Aber warum hatte mir niemand erzählt, dass auch Esme ein Ticket besaß?
Ich war froh, dass es wenigstens eine Person gab, die ich auf diesem Schiff kennen würde.
Als mich der Gedanke überkam, dass Esme auf diesem Schiff womöglich jemanden kennen lernen würde, fühlte ich mich plötzlich unwohl.
Es war nicht so, dass ich in sie verliebt war, aber sie war Teil meiner Familie und hatte einen so liebevollen Charakter, dass ich beim ersten kennen lernen der Masens sofort einen Beschützerinstinkt entwickelt hatte.
Fragend wandte ich meinen Blick herüber zu Jasper, welcher mir jedoch keine Beachtung schenkte sondern nur Augen für seine Alice hatte.
Okay, er würde mir also nicht erklären können, was das alles hier sollte.
Rosalie lief Emmett gerade entgegen und warf sich lachend in seine Arme, also hieß es für mich abwarten.
Alice und Emmett, der nun Rosalie in seinen Armen hielt, waren die ersten, die uns erreicht hatten.
Ich kam mir etwas überflüssig vor, inmitten der ganzen Pärchen zu stehen, aber genau das war wohl der Sinn dieser Singlekreuzfahrt.
Ich sollte wieder jemanden finden, dem ich mein Herz schenken konnte.
Aber wie könnte ich sowas auf einem Schiff finden?
Diese Art von Gefühlen zu entwickeln brauchte bei mir seine Zeit.
Esme und die frisch gebackenen Eltern mit der kleinen Sophie im Kinderwagen erreichten uns als nächstes.
„Hallo Carlisle“ Ich zog Esme wie immer zur Begrüßung in meine Arme und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange.
„Ich wusste gar nicht, dass du auch hier sein wirst“, fuhr die zierliche Frau weiter, während sie sich wieder aus der Umarmung löste.
„Das selbe wollte ich auch gerade sagen“, flüsterte ich ihr zu, während ich zu ihr hinunter sah.
Ein kleines Quengeln lies mich aufschauen.
Bella hob Sophie wieder aus ihrem Wagen, damit sich der kleine Wurm beruhigen konnte.
Die beiden machten sich wirklich gut als Eltern.
Mir erging es am Anfang nicht so leicht aber vielleicht lag es auch daran, dass ich es direkt mit zwei Babys zu tun hatte.
Ich begrüßte noch den Rest der dazu gekommen war und wandte mich letztendlich zu Edward und Bella, nachdem sie es geschafft hatten die Kleine zu beruhigen.
„Darf ich sie mal halten?“, fragte ich an Bella gewandt, die ihre Tochter noch immer in den Armen hielt.
„Natürlich darfst du das“, antwortete sie mit einem Lächeln auf den Lippen und versuchte sie mir ganz vorsichtig zu reichen.
„Pass auf ihr Köpfchen auf, du musst es stützen“, versuchte Edward mir unnötigerweise zu erklären, woraufhin ich nur lachend meinen Kopf leicht schüttelte.
„Es ist nicht das erste Mal, dass ich ein Baby auf den Arm halte“, erklärte ich ihm mit leicht belustigter Stimme.
Edward fuhr sich nach meiner Aussage sofort mit der Hand durch seine Haare, nur um dann sofort seinen Arm um Bellas Schultern zu legen.
„Ich weiß, tut mir leid. Aber wenn es um Sophie geht bin ich immer etwas übervorsichtig.“
Das kleine Etwas in meinen Armen fing an vergnügt zu quengeln, als ich sie mit meinem Zeigefinger leicht an der Seite kitzelte.
„Also Kinder, warum wusste ich nichts davon, dass auch Esme an dieser Kreuzfahrt teilnehmen wird?“, fragte ich in die Runde.
Mein Blick blieb an Esme haften, die genauso neugierig auf die Antwort zu sein schien wie ich es war.
Eine Zeit lang herrschte Stille, bis Alice sie letzten Endes brach.
„Wir wollten euch nur etwas Gutes tun“, wollte sie uns erklären und sah die anderen mit einem seltsamen Blick an.
Das kleine Wesen in meinen Armen fing wieder an etwas zu quengeln.
Ich hielt Sophie meinen kleinen Finger hin, den sie sofort mit ihren beiden kleinen Händchen griff und an ihrem Mund führte.
Ein Lächeln huschte über meine Lippen als ich daran dachte, wie oft das früher auch Rosalie und Jasper immer gemacht hatten.
Eine halbe Stunde standen wir noch da und unterhielten uns.
In der Zwischenzeit befand sich Sophie wieder in ihrem Kinderwagen und schlummerte friedlich vor sich hin.
„Es ist Zeit, ihr müsst an Bord“, teilte uns mein Sohn mit und lief zuerst auf Esme zu um sie in eine liebevolle Umarmung zu nehmen, die sie natürlich erwiderte.
Der Rest machte diese Geste natürlich nach, was einige Zeit in Anspruch nahm.
Als letztes verabschiedete sich Esme von ihrer schlafenden Enkeltochter.
Liebevoll strich sie mit ihrer Hand über Sophies kleine Wange.
„Sei lieb zu deinen Eltern“, hörte ich sie flüstern und gab ihr noch einen leichten Kuss auf das kleine Köpfchen.
Esme musste man schon beinahe dazu zwingen, sich von ihrer Familie zu lösen, damit wir uns zum Schiff begeben konnten.
Ich hatte zwar immer noch keine große Lust auf diese unsinnige Singlekreuzfahrt, aber immerhin hatte ich jetzt Esme an meiner Seite.
Ob Esme genauso wenig an dieser Kreuzfahrt teilnehmen wollte so wie ich?
Oder würde ich sie sogar stören, wenn ich nicht von ihrer Seite weichen würde?
„Wehe du weichst von meiner Seite“, versuchte Esme mir leise zu drohen, während sie zu mir aufsah.
Ihre grünen Augen sahen flehend in meine blauen.
Wie hätte ich ihr da noch irgendeinen Wunsch abschlagen können? Zumal ich auf diesem Schiff selbst nicht auf mich allein gestellt sein wollte.
„Ich weiß nicht, was sich die Kinder dabei gedacht haben, aber das war eine ihrer schlechtesten Ideen“, fuhr sie weiter fort und sah sich etwas um.
Ich folge ihrem Beispiel und sah mir die Personen an, mit denen ich einige Tage auf diesem Schiff verbringen würde.
Rein optisch würde mir keine dieser Frauen gefallen.
Zu alt.
Zu klein.
Zu künstlich.
Ich war mir beinah sicher, dass Esme in den nächsten Tagen die ganze Aufmerksamkeit der Männer beanspruchen würde.
Wir wurden komisch angeguckt, als wir gemeinsam an Bord traten.
Wahrscheinlich sah man nicht so oft, wie ein Mann und eine Frau gemeinsam ein Schiff für eine Singlekreuzfahrt betraten.
Man müsste auch sofort erkennen können, dass Esme und ich uns nicht erst vor ein paar Minuten kennen gelernt hatten.
Dafür gingen wir schon viel zu vertraut miteinander um.
„Welche Zimmernummer hast du?“, hörte ich Esmes Stimme in meine Richtung fragen.
Schnell kramte ich in meiner Hosentasche herum, in der ich meinen Zimmerschlüssel aufbewahrte, welcher mir per Post zugeschickt wurde.
Eigentlich hatte ihn mir Rosalie vorhin im Auto noch gegeben und mir gesagt, dass sie ihn per Post zugeschickt bekommen hatte.
Seit wann sie Schlüssel per Post schickten war mir schleierhaft.
Endlich hatte ich den Schlüssel gefunden, zog ihn aus meiner Hosentasche und hielt ihn mir genau vor die Nase, da ich ohne meine Brille die Ziffern nicht so leicht erkennen konnte.
„Wenn ich das jetzt richtig entziffere, dann müsste es Zimmernummer 164 sein. Wie viele Zimmer kann so ein Schiff überhaupt haben?“, fragte ich eher mich selbst, als an Esme gerichtet.
Ein seltsamer Ausdruck trat auf Esmes Gesicht. Sie blieb stehen und kramte in ihrer Handtasche herum, bis sie einen Schlüssel in der Hand hatte.
Wahrscheinlich der Schlüssel zu ihrem Zimmer.
Misstrauisch beäugte sie das silberne Etwas in ihren Händen.
Im Gegensatz zu mir brauchte diese Frau keine Brille um die Ziffern, die auf dem Schlüsselanhänger standen erkennen zu können.
„Dann sind wir wohl Zimmernachbarn“, sagte sie und wandte sich wieder an mich.
„Ich hab die 165 als Zimmernummer.“
Nachdem wir einige Minuten auf diesem ‚Liebesschiff‘ rumgeirrt waren um unsere Zimmer zu suchen, standen wir nun endlich davor.
Es hatte ewig gedauert bis wir merkten, dass es Schilder gab, die uns den Weg zu den Zimmern weisen sollten.
Immerhin konnten wir uns so auf dem Schiff etwas umsehen und uns damit vertraut machen.
Esmes Koffer hatte ich die ganze Zeit getragen und damit ich nicht so viel Gepäck auf einmal trug, deponierte ich meine Reisetasche direkt darauf.
Schließlich war ich zu einem Gentleman erzogen worden und wollte nicht, dass Esme so schweres Gepäck die ganze Zeit mit sich herum trug.
Nachdem meine weibliche Begleitung ihre Zimmertür zuerst aufgeschlossen hatte und ich ihr Gepäck ins Zimmer trug, fiel mein Blick sofort auf die Kommode, die direkt neben dem Bett stand.
„Nanu“, gab Esme von sich und ging schnurstracks auf die Kommode zu.
Anscheinend hatte sie auch diese Broschüre dort bemerkt.
Ich stand direkt hinter ihr, damit auch ich einen Blick hinein werfen konnte.
Meine Hände befanden sich an Esmes Oberarmen.
„Ist dir kalt?“, fragte ich besorgt als ich ihr leichtes zittern bemerkte.
„Bitte? Oh nein, mir geht es gut Carlisle.“ Sie drehte ihren Kopf leicht über ihre Schulter, damit sie mich ansehen konnte.
Wieder sahen wir uns in die Augen, aber es war anders als sonst.
Anders, als ich es in den Jahren erlebt hatte, in denen ich Esme schon kannte.
Eine gewisse Spannung lag in diesem Blick und ich war mir sicher, dass ich denselben Ausdruck in den Augen hatte wie sie.
Wieso war mir vorher nie aufgefallen, wie wunderschön ihre Augen waren?
Doch noch ehe ich diesen Moment richtig genießen konnte, wandte Esme sich wieder ab und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder der Broschüre in ihren Händen.
Nachdem ich mir einen kurzen Moment genommen hatte um wieder zur Besinnung zu kommen, richtete sich auch meine Aufmerksamkeit diesem unwichtigen Blatt in ihren Händen zu.
So wie es aussah standen dort die Veranstaltungen geschrieben, die auf diesem Schiff stattfinden würden.
„Oh sieh mal, heute Abend kann man tanzen. Sogar eine richtige Band ist da. Lass uns dahin gehen, ja? Biiitte!“
Sie drehte sich so schnell zu mir herum, dass meine Hände abrupt von ihr ablassen mussten.
Mit einem Dackelblick sah sie zu mir herauf und hüpfte die ganze Zeit aufgeregt auf und ab.
Es war mehr als klar, dass Alice diese Eigenschaft von ihrer Mutter abgeguckt hatte.
Wenn ich sie mir so ansah, sah sie viel jünger aus als 57 Jahre.
Sie strahlte so eine kraftvolle Ausstrahlung aus, dass diese allein sie schon mindestens zehn Jahre jünger aussehen ließ.
Wie hätte ich bei diesen Augen Nein sagen können?
Wollte ich überhaupt Nein sagen?
Eigentlich fand ich den Gedanken sehr schön, einen Abend mit ihr zu verbringen.
Mir fiel auf, dass ich noch nie Zeit mit ihr alleine verbracht hatte.
Immer war eines unserer Kinder dabei gewesen.
Nie hätte ich die Möglichkeit gehabt, sie auch mal als Frau kennen zu lernen.
Allerdings hatte ich auch noch nie dieses Verlangen gespürt. Bis jetzt.
Es gab also keinen Grund, weshalb ich ihrer Bitte nicht nachkommen sollte.
Was sollte ich sonst auf diesem Schiff machen?
Weg konnte ich hier sowieso nicht, selbst wenn ich es wollte, also würde ich versuchen meine Zeit sinnvoll zu nutzen.
Und mit wem könnte ich das besser hinbekommen, als mit Esme?
Aber was wäre, wenn sie hier jemanden kennen lernen würde und ihre Zeit nur noch mit ihm verbrachte?
Schließlich war es eine Singlekreuzfahrt.
Dann würde ich mir die Zeit alleine vertreiben müssen, denn ich hatte nicht das Verlangen eine andere Frau kennen zu lernen.
„Dann werde ich dich heute Abend abholen.“ Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder an Esme und schenkte ihr ein Lächeln.
Auf einmal wirkte sie etwas verlegen und spielte mit ihren Fingern.
„Gut, ich freu mich schon“, sagte sie mit einen schüchternen Lächeln auf ihren Lippen, welches mich erneut lächeln ließ.
In der Zwischenzeit hatte ich meine Reisetasche ausgepackt und die Sachen in den kleinen Schrank verstaut, den es im Zimmer gab.
Mit einer schwarzen Hose, einem blauen Hemd und einem schwarzen Sacco bekleidet, stand ich um Punkt acht Uhr am Abend vor Esmes Zimmertüre.
Der Weg zu Esme war ja auch nicht gerade ein langer gewesen.
Ich klopfte an ihrer Zimmertüre und innerhalb kürzester Zeit wurde sie mir auch schon geöffnet.
Meine Augen weiteten sich, als ich sie erblickte.
Sie sah atemberaubend aus.
Das Kleid, welches sie trug, war golden und ging ihr bis zu den Knien. Der Stoff sah aus wie Seide und schmeichelte ihrer schmalen Gestalt.
Ich kam mir 40 Jahre jünger vor, wie ich hier vor ihrer Tür stand und kein Wort heraus brachte.
„Du siehst gut aus“, kam es als erstes von Esme.
Wenn ich in ihren Augen gut aussah, wie sollte ich dann ihre Erscheinung beschreiben?
„Danke. Und die siehst…“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „…einfach umwerfend aus“.
Um meine Aussage zu verdeutlichen, deutete ich mit meiner Hand an ihrem Körper auf und ab.
Ich konnte sehen, wie ihre Wangen einen leichten rosa Ton annahmen und musste lächeln.
Wieso war mir vorher nie aufgefallen, wie wunderschön sie doch war.
Sobald Esme sich bei mir einhakte, machten wir uns auf dem Weg zum Deck, wo dieser kleine Tanzabend stattfinden sollte.
Es waren schon eine Menge Leute zu sehen und einige schienen schon jemanden gefunden zu haben, mit denen sie diesen Abend verbringen würden.
Gott sei Dank hatte ich Esme an meiner Seite.
Sie rückte ein Stück näher zu mir, als wollte sie den anderen Herren zeigen, dass sie gar nicht erst versuchen sollten sie anzusprechen.
Esme war für heute Abend und wahrscheinlich für den Rest dieser Singlekreuzfahrt die Frau an meiner Seite.
Aber in mir kam ein Gedanke auf, der mir bis dahin noch nie gekommen war.
Was würde sein, wenn die Kreuzfahr ihr Ende nahm?
Ich mochte Esme, mehr als mir bisher vielleicht bewusst war.
Hatten die Kinder etwa deswegen diese Kreuzfahrt für uns beide organisiert?
Wussten sie wirklich besser über meine Gefühle Bescheid als ich?
Wie konnte das sein?
Ich wusste, dass ich diese für mich schon beinahe in Vergessenheit geratenen Empfindungen nicht erst seit heute wieder aufgetaucht sein konnten.
Das letzte Mal als ich so fühlte war, als ich meiner toten Ehefrau begegnet war.
Lang genug war ich nur für meine Kinder da gewesen und hatte mir eingeredet, dass ich niemanden an meiner Seite brauchte.
Erst jetzt wusste ich, dass es Schwachsinn war. All die Jahre hatte ich mich selbst angelogen und meine Kinder schienen es als Erste bemerkt zu haben.
Anscheinend kannten sie mich doch besser als ich mich selbst.
Ich nahm all meinen Mut zusammen, den ich aufnehmen konnte und griff nach Esmes Hand.
Eine Welle der Erleichterung überkam mich, als sie nicht davor zurückschreckte, sondern sogar noch leicht zudrückte.
„Hast du Lust zu tanzen?“ Mein Kopf beugte sich zu ihrem herunter, damit ich ihr diese Frage stellen konnte.
Ich bemerkte ihr leichtes Schaudern als ich in ihr Ohr flüsterte aber ein Gefühl sagte mir, dass es sicher nicht von der kühlen Brise hier an Deck kam.
„Sehr gern sogar“, antwortete sie mir und neigte ihren Kopf in meine Richtung.
Es hätte nicht viel gefehlt und unsere Nasenspitzen hätten sich beinahe berührt.
Nun überkam auch mich ein wohliger Schauer als sie dies zu mir sagte und ihr süßer Atem mein Gesicht streifte.
Ihre Hand umfasste meine fester als ich sie Richtung Tanzfläche führte, wo schon vereinzelte Paare tanzten.
Mit einer eleganten Bewegung drehte ich mich zu ihr herum und ließ die Hand die ich hielt zu meiner Schulter wandern.
Meine Augen folgen dieser Bewegung und sobald sich ihre Hand auf meiner Schulter befand, wanderte mein Blick direkt in ihre grünen Augen.
Auch sie beobachtete, wie sich ihre zierliche rechte Hand auf meiner Schulter absetze und als ich bemerkte, dass ich zu ihr sah, wandte sie auch mir ihren Blick zu.
Meine rechte Hand umfasste ihre Taille und ich zog sie etwas näher zu mir.
Die andere Hand nahm ihre freie Hand in meine und kein einziges Mal verließen meine Augen ihre.
Es lag eine Spannung in der Luft, eine Elektrizität und ich war mir beinahe sicher, dass auch Esme diese Energie zwischen uns spüren konnte.
Konnte es wirklich sein?
Konnte es sein, dass ich mich nach all diesen Jahren wieder verliebte?
Ich war schon lange nicht mehr verliebt gewesen, aber ich erkannte dieses Gefühl wieder.
Es war ein Gefühl von dem ich dachte, dass ich es nie wieder empfinden würde.
Dabei schlummerte es wohl schon so lange in mir und nur dadurch, dass ich etwas mehr Zeit mit Esme verbracht hatte wurden mir endlich die Augen geöffnet.
Und wem hatte ich es zu verdanken?
Einzig und allein meinen Kindern, die mir zu meinem sechzigsten Geburtstag ein Geschenk gemacht hatten, von dem ich nicht überzeugt war.
Nun überlegte ich jedoch, wie ich ihnen meinen Dank aussprechen sollte.
Denn so lebendig wie jetzt hatte ich mich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlt.
Wie ich hier mit Esme stand und mich mit ihr im Takt der Musik bewegte gab mir das Gefühl, als wäre ich neu geboren.
Esme lehnte nach ungefähr der Hälfte des Liedes ihren Kopf an meinen Brustkorb.
Automatisch zog ich sie näher zu mir heran und meine Nase umwehte sofort der verführerische Duft ihres karamellfarbenen Haares. .
Sie ließ meine Hand los, nur damit sie diese um meinen Nacken schlingen konnte und mich an den kleinen Härchen kraulte.
Meine nun freie Hand fuhr hinab zu ihrer Taille.
Ich konnte nicht verhindern, dass ich sie dabei noch näher zu mir zog und meine Nase sich erneut in ihr Haar vergrub.
Duftete sie schon immer so himmlisch?
„Ich mag dich“, hörte ich es leise unter mir flüstern.
Esme hob wieder ihren Kopf sobald ein neues Lied einsetzte.
Perplex starrte ich zu ihr herunter.
Ich war mir nichts sicher, ob ich das, was ich vorhin zu hören geglaubte richtig verstanden hatte.
Peinlich berührt wandte sie ihr Gesucht wieder ab und starrte mit einem nachdenklichen Blick auf einen Punkt hinter mir.
Verwirrt starrte ich sie weiterhin an und ich konnte spüren, wie sie sich aufgrund meines starren immer unwohler zu fühlen schien.
Dachte sie etwa, ich würde sie nicht mögen?
Mochte sie mich überhaupt auf die Art und Weise, wie ich sie mochte?
Aber warum sonst hätte sie mir sagen sollen, dass sie mich mag?
„Ich mag dich auch. Sehr sogar.“ Sobald ich diese Worte ausgesprochen hatte, drehte sie ihren Kopf ruckartig wieder zu mir und sah mir forschend in die Augen.
Ich ließ meine rechte Hand zu ihrem Gesicht wandern und strichelte sanft ihre Wange.
Wieder war zwischen uns ein Moment, den ich nicht genau definieren konnte.
Ich konnte mich einfach nicht von ihren Augen losreißen.
So, als ob sie mich gefangen hielten.
Aber um ehrlich zu sein, hatte ich nichts dagegen einzuwenden.
Mein Kopf bewegte sich ganz automatisch nach unten zu ihrem und ihre grünen Augen sahen mich erwartungsvoll an.
Sie kam mir leicht entgegen und einen Moment lang hielt ich inne und versuchte mir diesen Moment für immer einzuprägen und ihn auszukosten.
Ihre Augen schlossen sich, sobald sich mein Kopf wieder in Bewegung setzte und meine Lippen ihre Lippen trafen.
Auch meine Augen schlossen sich automatisch und ich genoss diesen Moment wirklich voll und ganz.
Ihre Lippen waren so weich, so sanft und schmeckten so süß.
Mein Magen kribbelte auf Grund dieser neuen Gefühle und als ob ich Angst hätte, dass ich diese Gefühle wieder verlieren würde, drückte ich diese wunderbare Frau in meinen Armen enger an mich.
Auch Esme schlang ihre Arme enger um meinen Nacken und mein Kopf wurde somit näher an ihren gedrückt.
Der Kuss gewann an Leidenschaft, wurde aber nicht fordernd.
Mein Luftvorrat wurde immer geringer, aber das war in diesem Augenblick für mich eher nebensächlich.
Wenn mir schon langsam die Luft ausging, war es bei Esme bestimmt nicht anders und so sah ich mich gezwungen, langsam von ihr abzulassen.
Schließlich wollte ich ja nicht, dass sie auf Grund von Luftmangel in meinen Armen ohnmächtig wurde.
Der Kuss wurde immer langsamer und bevor ich mich ganz von ihr löste, küsste ich ihre Lippen noch zweimal sanft, ehe ich meine Stirn an ihre legte und wir beide versuchten wieder zu Atem zu kommen.
Eine ihrer Hände an meinem Nacken streichelte mich sanft, bis sie meine Wange erreicht hatte und dort verweilte.
„Das war unglaublich“, sprach ich so leise wie möglich da ich Angst hatte, diese Atmosphäre zwischen uns zu zerstören.
„Das war es“, flüsterte sie im selben Ton zurück und drückte ihre Lippen für einen kurzen Moment wieder an meine.
Ich konnte nicht beschreiben, was ich in diesem Moment empfand.
Aber ich war glücklich.
Und das war das Einzige was zählte.
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